Lieferketten zwischen Nordafrika und Deutschland stark beeinträchtigt.

Die Lieferketten zwischen Nordafrika und Deutschland sind durch die Corona-Pandemie bereits jetzt schwer beeinträchtigt. Vertreter von Logistikfirmen befürchten den Ausfall des Handels für ein gesamtes Quartal. In bestimmten Branchen werden bereits jetzt praktisch keine Transportkapazitäten mehr nachgefragt. Ein Beispiel dafür ist der Automobilsektor, der in Europa und in Marokko bereits angekündigt hat, Fabriken vorübergehend zu schließen.

„Zwischen Tunesien und Europa ist die Lieferkette von Produzenten zu Abnehmern in der Kfz- und der Bekleidungsindustrie aktuell stark gefährdet“, sagt Hans-Hermann Bergmann vom Logistiker Meyer & Meyer in Osnabrück. Das Unternehmen transportiert aus Tunesien Textilien und Kfz-Teile wie Kabelbäume und ist bei der Belieferung von Abnehmern in Deutschland, Österreich und der Schweiz nach eigenen Angaben einer der führenden Logistiker. Einige europäische Kfz-Fabriken müssen bei fehlendem Nachschub von tunesischen Kabelbäumen angesichts ihrer Just-in-sequence-Produktion recht umgehend die Bänder stoppen, sagt Bergmann. Je nach Hersteller sei dies bereits innerhalb von etwa zwei Tagen so weit – wobei Europas Autohersteller mittlerweile ohnehin auf breiter Linie Produktionsstopps angekündigt haben.

Meyer & Meyer transportiert die Waren per Schiff von Tunesien nach Italien. In der Regel werden wöchentlich über 100 Lkw in jede Richtung befördert, so Bergmann. Die daran beteiligten Reedereien hätten den Betrieb jedoch bereits jetzt stark eingeschränkt. Die italienische Reederei GNV tat dies vollständig; die tunesische Reederei CTN fuhr zwar Mitte März noch offiziell, sie nahm jedoch nur Lkw mit und nicht mehr die Fahrer. Außerdem habe sich die Schiffsbesatzung geweigert nach Italien auszulaufen.

Eine stabile Fährverbindung sei der Schlüssel für eine belastbare Lieferkette zwischen Europa und Tunesien, und diese sei jetzt nicht mehr gewährleistet. Meyer & Meyer versucht eine alternative Route nach Frankreich zu nutzen, was jedoch, solange dies überhaupt noch möglich ist, mit deutlich mehr Kosten und einem höheren Zeitbedarf verbunden ist. Die Alternative Luftfracht komme angesichts gestrichener Flüge ebenfalls nicht in Betracht – und wäre auch um ein Vielfaches teurer.

Tunesien ist auch abhängig von Bauteilen aus China und Italien. Dabei kommt es zu Engpässen, die auf Grund der aktuellen Situation eher noch zunehmen dürften. Die Produktion in dem nordafrikanischen Land wäre also auch ohne die Beschränkungen beim Transport nach Europa aktuell stark beeinträchtigt.

In Marokko hat die Regierung umfassende Schutzmaßnahmen ergriffen und das Land praktisch abgeriegelt. Veranstaltungen wurden untersagt und Restaurants geschlossen. Der marokkanische Exportverband ASMEX macht sich vor allem Sorgen um die Automobil- und die Textilhersteller. Die Lieferungen aus China bleiben derzeit aus. Renault Maroc hat die Produktion am 19. März erst einmal eingestellt. Davon allein sind 11.000 Mitarbeiter in den Fabriken betroffen. Die Produktion soll wieder aufgenommen werden, sobald die Bedingungen es zulassen, heißt es in einer Pressemitteilung des Unternehmens.

Die ägyptische Wirtschaft ist bisher vergleichsweise wenig in globale oder mehrgliedrige Lieferketten eingebunden. Normalerweise besteht der Außenhandel aus relativ einfachen Liefergeschäften. Anders als in Marokko und Tunesien gibt es dort bisher wenige Unternehmen, die für globale Märkte produzieren. Ägypten ist jedoch auf die Lieferung von Kapitalgütern angewiesen. Ein Großteil der Maschinen für die Herstellung von Nahrungsmitteln und Textilien kommt aus Italien. Weitere wichtige Importe aus Italien sind Pumpen und Kompressoren, Eisen/Stahl, elektrische Ausrüstungen, Haushaltsgeräte und Chemikalien. Die Pharmaindustrie importiert 40 Prozent ihrer Rohstoffe aus China. Auch Ägyptens Automobilzulieferer und die Baubranche sind von chinesischen Lieferungen abhängig.

Während der Warenverkehr derzeit noch größtenteils möglich ist, kommt es im internationalen Personenverkehr zu erheblichen Einschränkungen. Der Passagier-Luftverkehr mit dem Ausland ist ab dem 19. März und zunächst bis zum 31. März eingestellt, berichtet die Zeitung Egypt Today über eine Entscheidung des Ministeriums für zivile Luftfahrt. Nicht betroffen ist davon der Fracht-Luftverkehr.

In Saudi-Arabien ist es bisher offiziell noch nicht zu Lieferschwierigkeiten gekommen, allerdings sind Projektverzögerungen sehr wahrscheinlich. Das Königreich bezieht fast ein Viertel aller Maschinen aus China. Einzelne Unternehmen berichten bereits von Störungen und Verzögerungen im Projektablauf. Auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten kommt es zu erheblichen Verzögerungen bei Lieferungen aus China, so zum Beispiel bei IT-Ausrüstungen. Möglicherweise ist auch der Handel bei Bestellungen vorsichtig, weil er mit einem Einbruch der Nachfrage rechnet.

MBI/gtai/emv/23.3.2020

 

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